South East Asia Earthquake Appeal

GENESIS
The Lamb Lies Down On Broadway

- Deutsche Übersetzung -

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Ein Monument des Progressive Rock in höchster Vollendung ist zweifellos das 1974 erschienene Konzept-Album „The Lamb Lies Down On Broadway” von Genesis. Die im Original-Cover des Doppelalbums abgedruckte Rahmenhandlung von Peter Gabriel wurde vom Englischen ins Deutsche „übersetzt” und kann hier nachvollzogen werden. Diese surreale Geschichte gibt auch in etwa die Handlung der Songtexte wieder.

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Die Geschichte

Lass die Finger aus meinem Auge. Beim Schreiben werfe ich gern einen Blick auf die Schmetterlinge unter Glas, die sich rings herum an allen Wänden befinden. Die Menschen meiner Erinnerung sind an Geschehnisse gekettet, die ich mir nicht mehr recht ins Gedächtnis zurückrufen kann; aber ich werde einen herauszerren, um ihn zerbrechen, sich auflösen und eine andere Art von Leben nähren zu sehen.

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Der, um den es geht, ist vollkommen bio-degradierbares Material und ist als „Rael” kategorisiert. Rael hasst mich, ich mag Rael - ja, sogar Sträuße haben Gefühle. Aber unsere Beziehung ist etwas, mit dem wir beide zu leben lernen. Rael mag gern spaßig sein, ich habe gern einen guten Reim, aber ihr werdet mich nicht mehr direkt sehen - er hasst es, mich um sich zu haben. Also, wenn die Geschichte nicht auf eigenen Füßen steht, kann ich zeigen, worum es geht - ihr versteht? (Der Reim ist geplant, seht Ihr, Dummchen.)


Der zitternde Zeiger springt auf Rot. New York kriecht aus dem Bett. DIe missmutigen Gäste werden gebeten, die Wärme des 24-Stunden-Kinos zu verlassen. Sie sind über Filmen eingeschlafen, von denen andere nur geträumt hätten. Die Statisten stören den schlafenden Broadway auf. GEHEN links, NICHT GEHEN rechts - auf dem Broadway erscheinen die möglichen Richtungen nicht so glänzend. Autogeister bestimmen das Tempo für die frühen mobilen Wettrennen des Taxifahrers.

Genug davon - unser Held kommt die U-Bahn-Rolltreppe herauf ans Tageslicht. Unter seiner Lederjacke hält er ein Spray-Gewehr, das gerade die Nachricht R-A-E-L in Großbuchstaben auf der Tunnelwand hinterlassen hat. Für euch mag das keine Bedeutung haben, aber für Rael ist es ein Schritt weiter auf dem Weg, der dahin führt, „sich einen Namen zu machen”. Wenn man noch nicht einmal ein reinrassiger Puertorikaner ist, ist das Leben hart, und die Harten überleben.

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Mit gelegentlichen Blicken über die nasse Straße prüft er die Bewegung des Dampfes (aus den Lüftungsschächten der New Yorker U-Bahnen), um mögliche Hindernisse rechtzeitig zu erkennen. Er kann keine entdecken und strolcht den Fußweg entlang, an einem Drugstore vorbei, dessen eisernes Gitter gerade entfernt wird, um das Zahnpastalächeln der Reklame zu enthüllen, vorbei an dem Patrouillepolizisten Frank Leonowich (48, verheiratet, zwei Kinder), der im Eingang des Perückengeschäftes steht. Polizist Leonowich sieht Rael mit so ziemlich dem gleichen Blick an, mit dem ihn andere Polizisten ansehen, und Rael versteckt nur so eben, dass er etwas versteckt. Inzwischen legt sich in dem Dampf ein Lamm nieder. Dieses Lamm hat absolut nichts mit Rael zu tun, oder mit irgend einem anderen Lamm - es legt sich einfach auf dem Broadway nieder.

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Der Himmel ist bedeckt, und als Rael sich umschaut, sieht er eine dunkle Wolke, die sich wie ein Ballon auf den Time Square heruntersenkt. Die Wolke lässt sich nieder und wird zu einer ebenen Fläche mit festen Rändern, die sich verhärtet und sich weit die 47. Straße entlang ausdehnt, nach Osten und Westen und bis an den dunklen Himmel reicht. Als sich die Wand zum Himmel spannt, wird sie zur Leinwand, auf der sich abspielt, was eine Sekunde zuvor, auf der anderen Seite dreidimensional existiert hat. Das Bild flackert und zerspringt dann wie gemalener Lehm, und die Wand bewegt sich ruhig vorwärts, nimmt alles auf ihrem Weg in sich auf. Die nichtsahnenden New Yorker sind anscheinden blind für das, was da vor sich geht.


Rael fängt in Richtung Columbus Circus an zu laufen. Jedesmal, wenn er es wagt, sich umzusehen, hat die Wolke sich einen Block weiter bewegt. Sobald er glaubt, seinen Abstand von der Wand einzuhalten, wird der Wind rauh und kalt und lässt ihn langsamer werden. Der Wind wird stärker, er trocknet die nasse Straße und fegt den Staub von ihrer Oberfläche, bläst ihn in Raels Gesicht. Mehr und mehr Schmutz wird aufgewirbelt, beginnt sich auf Raels Haut und Kleidung festzusetzen und wird zu einer festen Schicht, die ihn langsam zu einer schrecklichen Bewegungslosigkeit zwingt. Eine kauernde Tontaube.

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Der Moment des Einschlags donnert durch die Stille, und in tosendem Lärm dehnt sich die letzte Sekunde in einer Welt voller Echo, als ob der Zement und Mörtel des Broadway selbst ihre Erinnerungen noch einmal durchlebten. Die letzte große Märzparade. Der Journalist hängt in seinen Kleidern, matt wie ein Jaulen, als Publikum und Ereignis zu einer Einheit werden. Bing Crosby schnurrt: „You don't have to feel pain to sing the blues, you don't have to holla - you don't feel a thing in your dollar collar” („Du musst keinen Schmerz fühlen, um den Blues zu singen, du musst nicht ,hallo' sagen - du fühlst doch nichts in deinem Dollarkragen"). Martin Luther King ruft „Everbody sing!” und läutet die große alte Freiheitsglocke. Leary, seiner Zelle überdrüssig, geht auf den Wolken, predigt die Hölle. J.F.K. gibt das ok, uns zu erschießen, nippt an Orange-Julius und an Lemon-Brutus. Barbrüstiger Cowboy doppelt den dreifachen Champion. Wir brauchen kein Medicare und keine 35 cents allround Fahrpreise mehr, wenn Ginger Rodgers und Fred Astaire tanzen durch das Wolkenmeer. Von stereotypen Broadway-Melodien wechselt die Kapelle zu „Stars and Stripes” und bringt eine Träne in die Augen des heimlichen Schnapsbrenners, der seinen Geist hat von der illegalen Distille tröpfeln lassen. Der Pfandleiher leert seine Kasse zum Schluss und drückt den Glücksbringer Dollar an seine Brust. Dann - totale Finsternis.


In einer Art von schwerem Dämmerlicht kommt Rael wieder zu sich. Er ist warm in etwas wie ein Kokon gewickelt. Der einzige vernehmbare Laut ist das Geräusch tropfenden Wassers, von dem her ein blasses, flackerndes Licht zu kommen scheint. Er erklärt sich, in einer Art Höhle zu sein, oder in einer verwunschenen Grabstätte, oder in einer Katakombe, oder in einer Eierschale, wartend, sich vom Knochen des Leibes zu lösen. Was immer es auch sein mag, er fühlt sich ungeheuer heiter, sehr sauber und auch zufrieden, wie eine gut versorgte Puppe mit heißem Wasser im Bauch - weshalb sich also Sorgen machen, was es bedeutet? Er überlässt sich dem Unbekannten und gleitet in den Schlaf.

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Er wacht in kaltem Schweiß gebadet auf, mit dem Bedürfnis, sich zu erbrechen. Von dem Kokon ist nichts mehr zu sehen und er kann nun mehr von der Höhle erkennen. Größere Mengen des leuchtenden Wassers tropfen von der Decke und Stalagmiten und Stalagtiten formen und zersetzen sich mit ungeheurer Geschwindigkeit rings um ihn herum. Als seine Furcht und der Schock ihm ins Bewußtsein dringen, überzeugt er sich selbst, dass Selbstkontrolle ihm etwas Sicherheit schaffen kann, aber er vergißt diese Idee, als er sieht, dass die Stalagtiten und Stalagmiten feste Positionen einnehmen und einen Käfig formen, dessen Gitterstäbe sich auf ihn zubewegen. Eine Sekunde lang blitzt ein Licht auf - er sieht ein unendliches Netz von vergitterten Zellen, die alle durch ein seilartiges Material miteinander verbunden sind. Die steinernen Gitterstäbe beginnen, Raels Körper zu erdrücken, da sieht er seinen Bruder John draußen. Der sieht herein. Johns Gesicht ist bewegungslos, trotz der Hilferufe, aber auf seinem ausdruckslosen Gesicht formt sich eine blutige Träne, die seine Wange hinuntertropft. Dann geht er ruhig davon und überlässt Rael den Schmerzen, die seinen Körper zu durchzucken beginnen. Aber in dem Moment, in dem John außer Blickweite gerät, löst sich der Käfig auf und RAEL bleibt zurück, sich drehend wie eine Spindel.


Als all dies Drehen um sich selbst aufgehört hat, setzt er sich auf einen auf Hochglanz polierten Fußboden, während sich sein Schwindelgefühl langsam gibt. Er ist in einer leeren, modernen Eingangshalle und die Traumpuppenverkäuferin sitzt im Empfang. Ohne Aufforderung beginnt sie ihre Verkaufsrede: „Dies ist die große Parade der leblosen Verpackung, was sie sehen, ist alles zur Wartung hier, ausgenommen einer kleine Menge unseres neuen Produkts im zweiten Stock. Alles, was wir auf Lager haben, ist da, um die gegenwärtigen Verpflichtungen der Firma zu erfüllen. Andere Stapel werden an die regionalen Vertreter verteilt und es gibt eine Menge von Gelegenheiten für den Großanleger. Sie reichen von den teuren Sonderbehandelten bis zu den erschwinglichen Schlechternährten. Wir haben hier die Erfahrung gemacht, dass das Äußere jedes Einzelnen zu seinem Wesen wird. Mit Ausnahme der Niedrigpreis-Schlechternährten ist jeder mit einer Garantie für eine glückliche Geburt und problemfreie Kindheit ausgestattet. Es gibt jedoch nur eine kleine Menge Auswahlpotential - in gewisser Relation zum Durchschnittsdifferential. Sehen Sie, an der Decke sind die Aktionsgrenzen jeder Verpackungsgruppe vorgeschrieben, aber einzelne Individuen mögen sich wohl von der vorbestimmten Richtung fortbewegen, wenn ihre Umwege durch andere aufgewogen werden." Als er die Front der Verpackungen abschreitet, erscheinen Rael einige der Gesichter bekannt vorzukommen. Schließlich trifft er auf einige Mitglieder seiner alten Bande und fängt nun an, sich um seine eigene Sicherheit Sorgen zu machen. Er läuft durch die Fabrikhalle und erkennt plötzlich seinen Bruder John, auf dessen Stirn die Nummer 9 gestempelt ist. Niemand scheint ihn zu verfolgen und mit der Erinnerung an die bekannten Gesichter macht er sich an eine Rekonstruktion seines früheren Lebens, dort oben.

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Zu viel Zeit war etwas, mit dem er überhaupt nichts anfangen konnte, deshalb durchquerte er sie gewöhnlich mit ziemlicher Geschwindigkeit. Er war lieber tot als im Kopf aus dem Lot. Seine Mama und sein Papa hatten auf seinem Rücken geritten, deshalb riss er schnell aus, um zum Pack zu gehören. Doch erst nach einem kurzen Aufenthalt in der Pontiac-Besserungsanstalt konnte er sich in der Bande Respekt verschaffen. Jetzt, auf dem Heimweg nach einem Raubzug, streichelte er ein schlafendes Stachelschwein.


In jender Nacht malte er sich aus, wie sein haariges Herz herausgenommen und zur Begleitung sehr romantischer Musik von einem enormen Edelstahl-Rasierer glattgeschoren wurde. Das pochende, kirschrote Organ wurde wieder an seinen angestammten Platz gesetzt und begann schneller zu schlagen, als es unseren Helden, die Zeit auszählend, durch seine erste romantische Begegnung führte.

Von seinen verdrehten Erinnerungen kehrt er zu dem Durchgang zurück, in dem er zuvor steckengeblieben war. Diesmal entdeckt er einen langen, mit Teppichen ausgelegten Korridor. Die Wände sind ockerrot bemalt und mit seltsamen Zeichen bedeckt: manche sehen wie ein Ochsenauge aus, andere wie Vögel und Schiffe. Weiter hinten im Gang kann er einige Leute erkennen: alle sind auf den Knien. Mit gedrückten Seufzern und Gemurmel kämpfen sie, um in ihrer langsamen Bewegungsart vorwärts zu kommen, hin zu einer Holztür am Ende des Korridors. Rael hatte zuvor nur die unbeweglichen Gestalten der Großen Parade der leblosen Verpackungen gesehen, deshalb läuft er zu ihnen, um mit ihnen zu sprechen.


„Was ist hier los", ruft er einem murmelnden Mönch zu, der sich ein Gähnen verkneift und antwortet: „Es ist noch lang hin bis zum Sonnenaufgang." Ein sphynxhafter Krieger ruft seinen Namen und sagt: „Frag nicht ihn, der Mönch ist betrunken. Wir alle versuchen, die obersten Stufen zu erreichen, denn dort wartet ein Ausgang auf uns." Unser Held fragt nicht, warum er sich frei bewegen kann und durchschreitet kühn die Tür. Hinter einem mit Speisen gedeckten Tisch findet er eine Wendeltreppe, die in die Decke hineinführt.

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Am oberen Ende der Treppe entdeckt er eine Kammer. Sie hat fast die Form einer Halbkugel mit einer Vielzahl von Türen ringsherum. In der Kammer ist eine große Menschenmenge, zusammengedrängt in einzelnen Gruppen. Durch die Zurufe begreift Rael, dass es 32 Türen gibt, dass aber nur eine hinausführt. Die Stimmen werden immer lauter, bis Rael „Seid still" schreit. Einen Moment lang ist Stille und dann findet sich Rael im Mittelpunkt wieder: sie richten ihre Ratschläge und Aufträge an ihren neuentdeckten Rekruten. Auf Abfall gebrütet, mit Asche gefüttert, muss der Puzzle-Meister schnellere Arbeit leisten. Rael sieht eine ruhige Ecke und läuft hinüber. Er steht nun neben einer Frau in mittlerem Alter, mit sehr blasser Hautfarbe, die leise mit sich selbst spricht. Er findet heraus, dass sie blind und auf der Suche nach einem Führer ist. „Wozu soll ein Führer gut sein, wenn man keinen Weg hinaus kennt?" fragt Rael. „Ich kennen einen Weg" ist die Antwort, „wenn du mich durch den Lärm hindurchführst, werde ich ihn dir zeigen. Ich bin ein Höhlenwesen und folge der Richtung in der die Winde wehen."


Er führt sie quer durch den Raum. Sie verlassen die Menge, die ihren Fortgang als zum Scheitern bestimmt abtut. Nachdem sie durch die Tür entkommen sind, wird Rael von der Frau durch den Tunnel geführt. Das Licht der Kammer wird schnell schwächer und trotz ihres zuversichtlichen Schrittes stolpert Rael oft in der Dunkelheit.
Nach einer langen Wanderung kommen sie an einem Ort an, der Rael ein große, runde Höhle zu sein scheint und jetzt spricht sie zum zweiten Mal, bittet ihn, sich zu setzen. Der Sitz fühlt sich wie ein kalter Steinthron an.

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„Rael, setz dich hierher. Sie werden bald zu dir kommen. Hab keine Angst." Und ohne jede andere Erklärung geht sie fort. Er muss seiner Furcht wieder ins Angesicht blicken. Zu seiner Linken erhellt sich ein Tunnel: er beginnt zu zittern. Während es immer heller wird, hört er ein schwirrendes Geräusch. Das Licht wird so hell, dass seine Augen zu schmerzen beginnen, es reflektiert weiß auf den Wänden, bis sich seine Sehkraft in einer Art Schneeblindheit verliert. Er gerät in Panik, fühlt nach einem Stein und zielt auf den hellsten Punkt. Der Klang zerbrechenden Glases wirft sein Echo durch die Höhle.


Als seine Sehkraft wieder hergestellt ist, erkennt er zwei goldene Kugeln von ungefähr einem Fuß Durchmesser, die durch den Tunnel davonschweben. In dem Augenblick, als er sie endgültig außer Sichtweite geraten, bricht mit lautem Krach ein Riss durch die Decke - alles um ihn herum stürzt ein...

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„Jetzt ist es soweit" denkt er, als es ihm nicht gelingt, die Felsbrocken fort zu bewegen. „Ich wäre lieber wie Ballast in den Raum geworfen worden, um in tausend Splitter zu zerbrechen, oder mit Helium gefüllt über einem Mausoleum geschwebt. Dies ist nicht der richtige Weg, meine „last subterranean homesick dues" *] zu zahlen. Zumindest bin ich nicht in den Händen irgendeines perversen Einbalsamierers gelandet, der an seiner eigenen Interpretation meines Aussehens arbeitet, indem er Watte in meine Backen stopft.
*] Wortspiel mit Bob Dylans Song „Last Subterranean Homesick Blues” und deshalb nicht zu übersetzen.


Erschöpft nach all diesen Fantasien, bekommt unser Held die einmalige Chance im Leben, seinem Helden zu begegnen: dem Tod. Der Tod trägt eine leichte Verkleidung, er hat die Ausstattung selbst kreiert. Er nennt sie „der übernatürliche Aneasthesist". Der Tod trifft gern Leute und reist gern. Der Tod nähert sich Rael mit seinem Spezialkanister, lässt ein Wölkchen herauspuffen und scheint, zufrieden mit sich, durch die Wand zu entschwinden.

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Rael berührt sein Gesicht, um sich zu versichern, dass er noch am Leben ist. Er schreibt den Tod als eine Illusion ab, bemerkt dann einen schweren Moschusgeruch, der in der Luft hängt. Er bewegt sich auf die Ecke zu, wo der Duft am stärksten ist. Als er einen Riss in der Wand entdeckt, durch den das Parfüm eindringt, versucht er, die Steine fort zu bewegen und schafft sich sich schließlich eine Öffnung, die groß genug ist, ihn hindruch zu lassen. Auf der anderern Seite ist der Duft noch stärker. Er macht sich mit neu gefundener Energie auf die Suche nach seiner Ursache.


Schließlich erreicht er einen Teich mit reichverzierten Rändern und rosafarbenem Wasser. Die Mauern, die ihn eingrenzen, sind mit dunkelrotem Samt beschlagen, an dem Geißblatt hochwächst. Durch den Dunst, der über dem Wasser schwebt, sieht er kleine Wellen, die aufeinander folgen. Drei schlangenartige Kreaturen schwimmen auf Rael zu. Jedes der Reptilienwesen hat einen winzigen Kopf und die Brüste einer wunderschönen Frau. An die Stelle des Schreckens tritt die Betörung, als ihre sanften grünen Augen ihn willkommen heißen. Die Lamien laden ihn ein, das süße Wasser zu kosten: schnell steigt er in den Teich. Sobald er von der Flüssigkeit kostet, tropft ein blassblaues Leuchten von seiner Haut. Die Lamien lecken die Flüssigkeit auf, sehr sanft am Anfang und mit jeder Berührung spürt er das Bedürfnis, mehr und mehr zu geben. Sie massieren sein Fleisch, bis seine Knochen zu schmelzen scheinen und an einem Punkt, wo er fühlt, dass es nicht weitergehen kann, nagen sie an seinem Körper. Sie nehmen seine ersten Blutstropfen in sich auf, da werden ihre Augen schwarz und ihre Körper zittern. Von hilfloser Leidenschaft überkommen, sieht er, wie seine Geliebten sterben. In einem verzeifelten Versuch, was von ihnen übrig ist, in sein Leben zu bringen, nimmt und isst er ihre Körper und müht sich, das Nest seiner Geliebten zu verlassen.

Er geht durch dieselbe Tür hinaus, durch die er herein gekommen war, und findet auf der anderen Seite eine Art von Verrückten-Ghetto. Als sie ihn entdecken, bricht der ganze Straßenzug von verkümmerten Gestalten in Gelächter aus. Einer der Kolonie nähert sich, grotesk in jedem seiner Merkmale, eine Mischung aus hässlichen Haufen und Stümpfen. Seine Lippen rutschen über sein Kinn, als er ihm willkommen zulächelt und seinen schlüpfrigen Händedruck anbietet. Rael wird ein wenig desillusioniert, denn der Glibbermann offenbart, dass die ganze Kolonie, einer nach dem anderen, die gleiche romantische Tragödie mit denselben drei Lamien erlebt hat, die sich jedesmal wieder regenerieren, und dass Rael nun Aussehen und schattenhaftes Dasein mit ihnen teilt.


Unter den verstümmelten Gesichtern der Glibbermänner erkennt Rael, was von seinem Bruder John noch übrig ist. Sie umarmen einander. John erklärt ihm verbittert, dass das ganze Leben der Glibbermänner darauf ausgerichtet ist, den nimmermüden Hunger der Sinne zu stillen, den die Lamien ihnen überlassen haben. Es gibt nur einen Fluchtweg: den entsetzlichen Gang zum berüchtigten Dr. Dyper, der die Quelle des Problems entfernen wird - um es weniger höflich auszudrücken - kastrieren.

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Sie diskutieren die missverständlich „Flucht" genannte Möglichkeit lange und entschließen sich endlich, dem Doktor einen Besuch abzustatten. Sie überleben den qualvollen Eingriff. Die anstößigen Waffen werden ihnen in sterilen gelben Plastikröhren präsentiert, zusammen mit goldenen Ketten. „Die Leute tragen sie gewöhnlich um den Hals", sagte der Doktor, als er sie ihnen überreichte. „Die Operation schließt die Benutzung der Gegebenheit für kurze Zeiträume nicht aus, aber sie müssen uns, wenn sie davon Gebrauch machen wollen, natürlich beträchtlich im Voraus informieren".


Als die Brüder ihre missliche Lage besprechen, fliegt ein großer schwarzer Rabe in die Höhle, stößt herab, reißt Raels Tube aus seinen Händen und trägt sie in seinem Schnabel hoch in die Luft. Rael bittet John, mit ihm zu gehen. Er antwortet: „Ich werde keinem schwarzen Raben nachjagen. Hier unten musst du die Zeichen lesen und ihnen gehorchen. Wenn der Rabe fliegt, gibt es ein Unglück." So lässt John zum zweiten Mal seinen Bruder im Stich.

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Der Vogel gleitet vor Rael einen engen Tunnel entlang, er scheint ihm die Möglichkeit geben zu wollen, den Abstand klein zu halten. Doch als Rael glaubt, den Vogel fast packen zu können, erweitert sich der Tunnel und endet als riesiger unterirdischer Wasserfall. Ganz zufällig lässt der Rabe seine kostbare Last in das tobende Wasser am Fuße des Falls stürzen. Es ist genug, um einen armen Jungen verrückt werden zu lassen.


Dann sieht er die Gefahren des steilen Kliffs - unser mutiger Held steht da, machtlos und starrt hinab. Er folgt einem schmalen Pfad, der am Rand entlangführt und sieht die Röhre, wie sie durch das Wasser hüpft, von einer starken Strömung getragen. Aber als er einer Biegung folgt, sieht Rael eine Fensterluke über sich, scheinbar in die Uferböschung gebaut. Durch die Luke kann er das grüne, grüne Gras seiner Heimat sehen - na, vielleicht nicht ganz - er sieht den Broadway und beginnt zu laufen, mit weit geöffneten Armen, auf den Ausgang zu. Genau an diesem Punkt hören seine Ohren plötzlich eine Stimme, die um Hilfe ruft. Jemand kämpft in den Stromschnellen unter ihm um sein Leben. Es ist John. Er hält einen Augenblick lang inne, denkt daran, wie ihn sein Bruder im Stich gelassen hatte. Die Fensterumrisse beginnen jetzt zu verschwinden - es wird Zeit zur Tat über zu gehen.

Er stürzt zum Kliff und rutscht die Felsen hinab. Es dauert lange, bis er das Wasser erreicht, weil er versucht, gleichzeitig mit der Strömung Schritt zu halten. Als er sich dem Rand des Wasser nähert, sieht er, dass John schwächer wird. Er taucht in das kalte Wasser. Zuerst wird er auf die Felsen geworfen, danach von einer schnellen Strömung unter die Wasseroberfläche gezogen. Sie trägt ihn direkt an John vorbei, stromabwärts. Es gelingt Rael einen Fels zu packen, sich an die Oberfläche zu ziehen und Atem zu holen. Sobald John vorbeigetragen wird, wirft sich Rael wieder in den Strom und bekommt seinen Arm zu fassen. Er schlägt John bewusstlos. Johns Körper fest an seinen gepresst, reitet er die Stromschnellen hinab in stilleres Wasser, von dem aus er in Sicherheit schwimmen kann.


Nachdem er den matten Körper seines Bruders an Land gezogen hat, legt er ihn flach auf den Rücken und sieht hoffnungsvoll in seine Augen, versucht ein Lebenszeichen zu entdecken. Er prallt voller Entsetzen zurück. Was ihn da mit weit offenen Augen anstarrt, ist nicht Johns Gesicht - sondern sein eigenes. Rael kann sich nicht von den Augen abwenden; das Bild seiner selbst zieht ihn wie ein Magnet an. Mit schneller Bewegung gleitet sein Bewusstsein von einem Gesicht zum anderen, dann wieder zurück, bis seine Präsenz weder im einen noch im anderen mehr fest gebunden ist. In diesem flüssigen Zustand beobachtet er, wie beide Körper zu gelben Umrissen werden und die Umgebung in einem Purpurdunst zerschmilzt. Mit einem plötzlichen Energiestrom durch beide Rückgrate zerschmelzen auch Ihre Körper schließlich im Dunst.

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Dies alles spielt sich ohne einen einzigen Sonnenuntergang ab, ohne das Läuten einer einzigen Glocke und ohne dass eine einzige Blüte vom Himmel fällt. Und dennoch füllt ES alles mit seiner geheimnisvollen, berauschenden Gegenwart.

ES ist jetzt an Euch.




p + c 1974

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